Tag des offenen Denkmals 2020


„CHANCE DENKMAL: ERINNERN. ERHALTEN. NEU ENTDECKEN.“

ERINNERN. Der letzte Trierer Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Sachsen gründet 1769 die Sayner Hütte. Die geschaffenen Arbeitsplätze sollen die Armut im Volk bekämpfen. Verwaltet wird die Sayner Hütte von den Hütten-Inspektoren Johann Konrad Ziller, gefolgt von dessen Schwiegersohn Heinrich Jacobi (1725 – 1796) und schließlich von Anselm Lossen. Sitz der Hütten-Verwaltung und des Rechnungswesens ist das sogenannte Comptoir, auch erstes Beamtenhaus“ oder „1e Beamten-Wohnung“ genannt. (Im Französischen bedeutet „compter“ zählen). Das Gebäude wurde aufwendig saniert, um dann wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt zu werden. Seit Juni 2020 beherbergt es den Sitz der Stiftung Sayner Hütte, die Museumsleitung des Rheinischen Eisenkunstguss-Museums sowie die Räume der Haustechnik. Es zeigt auf seiner Westfassade vier eiserne Zahlen, die das Gründungsjahr der Sayner Hütte ergeben: 1769.


Clemens_Wenzeslaus
Foto: Mittelrhein Museum_M1961_z
Deutsches Museum CD_72937 westliche Ansicht u. Grundriss der Anlage der Sayner Hütte 1817, C. L. Althans
Comptoir, 1974
Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv

Im Jahr 1769 beginnt die Geschichte der Sayner Hütte als Standort der Eisenverarbeitung. Der Betrieb mit seinen bis zu 200 Mitarbeitern ist eine prägende Kraft für den Ort Sayn, die Region und weit darüber hinaus. Die Sayner Hütte und ihre unmittelbare Umgebung sind dabei auch immer ein Ort des Wohnens für Arbeiter, Beamte und ihre Angehörigen. So leben zu Beginn im „Comptoir“ über den Verwaltungsräumen nacheinander die Familien der Hütten-Inspektoren Ziller, Jacobi und Lossen. Und zuletzt in den 1970 bis 1990er-Jahren finden kinderreiche und sozial schwache Familien hier ihr zu Hause.

ERHALTEN. Nach Stilllegung durch die Firma Krupp geht die Sayner Hütte 1926 in den Besitz der Stadt Bendorf über.  1929 wird die Gießhalle unter Denkmalschutz gestellt. Einige Gebäude wie das Comptoir werden als Wohnraum genutzt, und andere wiederum werden an Firmen vermietet. Die Gießhalle verfällt jedoch zusehends. Nur eine Bürgerinitiative verhindert ihren Abriss. 1976 kauft die Firma Heinrich Strüder KG die Gießhalle und sichert das Gebäude mit Unterstützung durch Land und Bund. 2004 geht die Gießhalle zurück an die Stadt Bendorf. Als »Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland« zeichnet die Bundesingenieurkammer im Jahr 2010 die Sayner Hütte aus. 2012 gründen das Land Rheinland-Pfalz, der Landkreis Mayen-Koblenz und die Stadt Bendorf die Stiftung Sayner Hütte, die das Industriedenkmal erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich machen soll. Die seitherigen Sanierungsmaßnahmen erfolgten mit großer Unterstützung von Fördergebern. Dabei sind das Land Rheinland-Pfalz, die Bundesrepublik Deutschland und der Landkreis Mayen-Koblenz die größten Förderer.

Comptoir 2019, Foto: B. Friedhofen

Comptoir 2019, Foto: B. Friedhofen

Seit 2017 ist das Denkmalareal für Besucher geöffnet. 2019 wurde die Dauerausstellung im Besucherzentrum und die Inszenierung in der Gießhalle eröffnet. Im Juni 2020 konnte die Verwaltung der Stiftung Sayner Hütte und des Rheinischen Eisenkunstgussmuseums in das „Comptoir“ einziehen. Bis 2021/2022 soll das Arkadenhaus als neue Heimat des Eisenkunstgussmuseums mit einer Ausstellung zur Geschichte des Eisenkunstgusses bzw. zur Produktion der Sayner Hütte eröffnet werden.

Comptoir im September 2020
Foto: B. Friedhofen

Fenster des Comptoirgebäudes im September 2020
Foto: B.Friedhofen

NEU ENTDECKEN. Das frisch sanierte „Comptoir“ mit seinen grünen Fensterläden ist bereits beim Anfahren aus Richtung Bendorf über die Koblenz-Olper-Straße aus der Ferne gut zu sehen. Es ist der Mittelpunkt des Denkmalareals Sayner Hütte und normalerweise nicht für den Besucher zugänglich. Doch im Rahmen der Mittwochssprechstunde „Kunstguss & mehr“, die Museumsleiterin Barbara Friedhofen in einem Tagungsraum im Erdgeschoss einmal im Monat leitet, kann das aus der Gründungszeit erhaltene Gebäude zumindest in Teilen neu entdeckt werden. Auch die Sonderführung am 3. Oktober 2020 unter dem Titel „Von Hütten-Inspektoren, Modelleuren und Auswanderern“, ein 2-stündiger Spaziergang auf und rund um die Sayner Hütte führt in das Innere dieses tollen Gebäudes, um einige Stücke aus der Sammlung des Rheinischen Eisenkunstguss-Museums zu bewundern.