Die Buderus’sche Kunstgießerei in Hirzenhain prägte von 1947 bis 2015 die Tradition des Eisenkunstgusses nach preußischem Vorbild. Als eine der letzten ihrer Art schuf sie Kunstwerke von höchster Qualität, bevor sie 2015 geschlossen wurde.
Die Schau- und Lehrsammlung, die die Geschichte des preußischen Eisenkunstgusses repräsentiert, wurde 2022 Teil der Stiftung Sayner Hütte und bereichert heute die Dauerausstellung der Kunstgussgalerie.
Anlässlich des zehnten Jahrestages der Schließung beleuchtet diese Kabinettausstellung die Geschichte, Werke und Bedeutung der Kunstgießerei Buderus.
Kurator:innen: Reinhard Manter & Barbara Friedhofen
Vom 24. April bis zum 9. Juni trat die Sayner Hütte mit NEXUS V in einen spannenden Dialog mit Mitgliedern der Arbeitsgruppe Rheinland-Pfälzischer Künstler e. V. Der Titel stand dabei für Verbindung, Verkettung und Zusammenhang. Hier setzten dann über 30 Kunstschaffende ihre Werke in einen Bezug mit der besonderen Atmosphäre der Gießhalle. Jede Ausstellung hatte bisher ihre eigene Thematik und was vor über 20 Jahren begann, entwickelte rasch eine inspirierende Eigendynamik: Stationen waren bisher das
Mitterheinmuseum in Koblenz, die Festung Ehrenbreitstein und die Kurfürstliche Burg Boppard. Dass die Wahl für NEXUS V auf die Sayner Hütte fiel, ist natürlich kein Zufall: „Dieser außergewöhnliche Ort eröffnet vielfältige Anknüpfungspunkte für die künstlerische
Auseinandersetzung. Thematisch sind Bezüge zum Fortschritt der Industriekultur, zur Architektur des Gebäudes oder zu den Menschen von einst zu sehen“, hieß es seitens der veranstaltenden Arbeitsgruppe. Alle Genres der zeitgenössischen Kunst, darunter Skulpturen, Installationen, Malerei, Fotografie und mehr, wurden präsentiert und ermöglichten es den Besuchern, die Sayner Hütte auf eine neue Art und Weise zu erleben.
Die Sayner Hütte ist eine der drei großen Eisenhütten des 19. Jahrhunderts und wurde durch die Produktion von Maschinen, Nutzgegenständen und Kunstguss-Produkten bekannt. In Kooperation mit der Hochschule Koblenz und der Firma Stratasys wurden historische Ausstellungsstücke digitalisiert und mittels 3D-Druck als Miniaturen nachgebildet wie beispielsweise der sog. Schinkel-Stuhl. Hierdurch wurde die Brücke zwischen historischer Fertigung mit zukunftsweisender Fertigungstechnologie gebildet.
Diese Aufgabe wurde im Wintersemester 2022/23 Studierenden des Fachbereichs Ingenieurwesen der HS Koblenz übertragen. Mittels 3D-Scannern wurden digitale Modelle der Objekte erstellt und mit 3D-Druckern im Anschluss ausgedruckt. Diese Aufgabenstellung war für Teilnehmer und Betreuer neu, so dass sich die Teilnehmer*innen nicht nur in die Funktion der Scanner einarbeiten, sondern auch eine allgemeine Vorgehensweise erarbeiten mussten. Die Studierenden wurden hierbei durch das Lehrpersonal des Rapid Prototyping Labors der Hochschule Koblenz betreut und angeleitet.
Zum Abschluss wurde gemeinsam eine Kabinettausstellung in der Kunstgussgalerie der Sayner Hütte präsentiert.
Seit Jahrtausenden entwerfen die Menschen auf der ganzen Welt Sitzmöbel und konstruieren sie aus unterschiedlichsten Materialien. Die Gebräuchlichsten davon sind Holz, Eisen und seit dem 20. Jahrhundert auch Kunststoff. Und obwohl sich die Kulturen und damit auch die Formen und Traditionen mitunter stark voneinander unterscheiden, gibt es eine Gemeinsamkeit:
Den Wunsch nach Möbeln aus einem Guss. Die jüngste Designforschung untersucht dieses Phänomen und beschreibt es mit dem Begriff ‚monoxyl’ (aus dem griechischen monos „einzig“ und Xylon „Holz“) was in seinem Ursprung Boote beschreibt, die aus einem
singulären Baumstamm gehauen werden. Die Entwicklung einen Stuhl oder Teile davon aus Metallzu gießen folgt erstaunlicherweise keiner stringenten Entwicklung. Immer wieder geht Wissen verloren und wird erst Jahrhunderte später wieder neu entdeckt. Diese Merkwürdigkeit des Erfindens und Vergessens durchzieht die Technologie- und Designgeschichte wie ein roter Faden. Mit den Ausgrabungen von Pompeji und anderen versunkenen Städten am Golf von Neapel beginnt eine Renaissance der antiken Formen und der Wiederentdeckung des Gussmöbels. Begünstigt durch die Industrialisierung in Europa Anfang des 19. Jahrhunderts entstehen viele Eisengussmöbel in allen nur denkbaren Formen. Neben der Ästhetik ist die Idee der Vervielfältigung ein wesentlicher Grund für Verbreitung und Erfolg. Kongenial und zeitgleich versuchen Firmen wie die Gebrüder Thonet Möbelstücke aus gebogenem Holz zu konstruieren. Schnell entwickelt sich aus dieser revolutionären Idee die erste Massenproduktion der Designgeschichte.
Die erfolgreiche Ausstellung „Design im Wandel der Zeit“ in der Stadtgalerie Neuwied 2022, gab den Anstoß für einen ‚Teil 2’ in der Sayner Hütte. Ausgehend vom ikonischen Eisenguss-Stuhl von Karl Friedrich Schinkel aus dem Jahr 1828 untersucht die Ausstellung die Geschichte des ‚Stuhls aus einem Guss’ und stellt sie konventionell konstruierten Möbeln gegenüber. Die Bedeutung Schinkels auf das Möbelwerk von Ludwig Mies van der Rohe wurde dabei ebenso gezeigt, wie der Einfluss afrikanischer Möbel auf das Design des französischen Stardesigners Philippe Starck. Unterschiedlichste Designklassiker aus unterschiedlichsten Kulturen, Materialien und Epochen, wurden weniger populären Exponaten gegenübergestellt, zeigen Analogien auf; traten in einen unerwarteten und spannenden Dialog. Am Ende stand die Frage nach der zeitgenössischen Antwort auf den inzwischen milliardenfach produzierten ‚Monobloc’ Plastikstuhl, der uns auf der ganzen Welt begegnet.
Kurator: Sebastian Jacobi
Fotos: Arndt Sauerbrunn, Düsseldorf
Ein gemeinsames Projekt der Stadt Bendorf, der Stiftung Sayner Hütte, der Gesellschaft für Geschichte und Heimatkunde Bendorfs, dem Heimatarchiv Sayn und der Universität Koblenz im Rahmen von KuLaDig Rheinland-Pfalz.
Die Stadt Bendorf war bis ins 20. Jahrhundert geprägt durch die Verhüttung von Eisen, dem Bergbau und der Industrie für feuerfeste Steine. Zahlreiche Industriebetriebe prägten das Stadtbild bis in die 1990er Jahre und einige auch noch bis in die heutige Zeit. Die Remy´schen Eisenhütten, die Sayner Hütte, die Concordia- und die Mülhofener Hütte machten aus Bendorf einen wichtigen Standort der Eisenverhüttung und Gießereitechnik am Mittelrhein. Dabei reichte die Produktpalette von Öfen und Herden, über Wasserleitungen, Maschinenteile, Radsätzen für die Bahn und Zubehör für die Autoindustrie bis hin zum filigranen Eisenkunstguss, der besonders die Sayner Hütte im 19. Jahrhundert berühmt machte.
Nach Schließung der Concordiahütte und weiterer Betriebe der Feuerfestindustrie wandelte sich das Stadtbild erheblich. Ehemalige Industriebetriebe wurden abgerissen, neue Gewerbegebiete und Straßen entstanden. Der Stadtteil Sayn wandelte sich mit der Sanierung von Burg, Schloss, Abtei und Sayner Hütte sowie dem Ausbau des Wanderwegenetzes zu einem beliebten touristischen Reiseziel.
An die innovative Industriegeschichte knüpft die Stadt Bendorf auch heute wieder an und lotet gemeinsam mit ortsansässigen Unternehmern und der Industrie Mittel und Wege im Bereich Wasserstofftechnologie aus, um den Herausforderungen des Klimawandels entgegen zu treten.
Das Thema „Industriekultur“ ist ein wesentlicher touristischen Schwerpunkt der Stadt, der wie diese Ausstellung zeigen soll nicht nur durch die Sayner Hütte ein beträchtliches Gewicht erhält.
Um die Industriegeschichte Bendorfs aufzuarbeiten, zu bewahren und öffentlich zugänglicher zu machen, bewarb sich die Stadt Bendorf in Kooperation mit der Stiftung Sayner Hütte 2021 für das Projekt „Kultur. Landschaft. Digital. Rheinland-Pfalz“.
Was ist nun KuLaDig RLP und was bewirkt es?
Die Onlineplattform „Kultur.Landschaft.Digital“ (KuLaDig) erfasst Kulturobjekte jeglicher Art. Ob Kirchen, Schlösser, Industriebauten, Wegkreuze oder Fluss- und Burgenlandschaften auf KuLaDig werden diese nach wissenschaftlichen Kriterien erfasst und nicht nur durch Texte, sondern auch durch Bilder und Multimediatools erfahrbar und oft auch sichtbar gemacht. Das Projekt KuLaDig Rheinland-Pfalz begleitet gemeinsam mit der Hochschule Koblenz jedes Jahr zehn Kommunen bei der Erfassung ihrer Heimatgeschichte. Die Stadt Bendorf bewarb sich gemeinsam mit der Stiftung Sayner Hütte 2021 erfolgreich um die Teilnahme an diesem Projekt. So wurden 15 Objekte der Industriegeschichte Bendorfs ausgewählt und 2022 von der Projektgruppe und Studenten der Hochschule Koblenz bearbeitet. Es wurde recherchiert, fotografiert, getextet und die Industrieobjekte durch Filme und Zeitzeugenberichte lebendig gemacht. Die Sonderausstellung „Bendorfs industrielles Erbe“ gab einen Einblick in diese Arbeit.
Weitere Informationen sind auf der Webseite www.kuladigrlp.net oder in der KuLaDig-App zu finden.
Ein Maler, der Extreme und Industriedenkmäler liebt
Welterbe der UNESCO ist sie noch nicht, aber dennoch spielt die ehemalige Gießhalle Sayner Hütte in Bendorf als europäisches Industriedenkmal ersten Ranges eine ganz besondere Rolle.
Bis einschließlich 22. Mai 2022 zeigte der bekannte Berliner Plein Air Maler Christopher Lehmpfuhl seine großformatigen Werke in der besonderen Atmosphäre dieses einzigartigen Industriedenkmals. Die von der Sparkasse Koblenz präsentierte Schau auf dem Denkmalareal Sayner Hütte war aber sehr viel mehr als eine Ausstellung, sie kann als Gesamtkunstwerk bezeichnet werden. Gehen doch historisch bedeutende Industriearchitektur und spektakulär großformatige Kunstwerke eine perfekte Symbiose ein.
So mancher wird sich schon jetzt fragen, was einen Maler aus Berlin mit der Region Koblenz-Mittelrhein verbindet. Die Antwort: Wie so oft spielte der Zufall eine Rolle. Am Anfang standen persönliche Kontakte, dann folgten die ersten Reisen. Dabei hatte es das Denkmalareal mit seiner 1830 begonnenen und 1832 vollendeten Gießhalle dem Künstler besonders angetan.
Dieses besondere Gebäude gilt nicht nur als erster Industriebau mit einer tragenden Gusseisenkonstruktion, es war einst auch eine wichtige Produktionsstätte in der früheren Montanregion am Mittelrhein und an der Mosel, die allerdings schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg ihre ursprüngliche Bedeutung verlor und heute nur noch ein wichtiges Kapitel in der Landesgeschichte darstellt.
Mehr als eine klassische Werkschau
Die historische Gießhalle auf dem Denkmalareal Sayner Hütte ist ein einzigartiges Zeugnis aus der Frühphase der Industrialisierung in Deutschland.
Lehmpfuhl machte sich ans Werk und schuf mehrere Gesamt- und Detailansichten dieses einmaligen Gebäudes, die natürlich auch in der Ausstellung neben Werken, die in anderen Städten entstanden, präsentiert wurden. Der Künstler zeigte damit keine klassische Werkschau, sondern stellte bewusst lokale Bezüge her – auch wenn er ebenso seine Berliner Perspektiven vorführte, die ihn bekannt gemacht haben.
Ein Projekt von Anna Heidenhain (Berlin) und Carlotta Werner (Hamburg)
Seit Anfang 2020 befindet sich das Rheinische Eisenkunstguss-Museum auf der Sayner Hütte und damit an der ursprünglichen Produktionsstätte seiner Sammlungsobjekte. Bis das Museum seine neuen Räume bezieht, wurde eine kleine Auswahl auf überraschende Art neu präsentiert. Standort der Schau war die sogenannte Krupp`sche Halle bzw. das Besucherzentrum Sayner Hütte.
Die Sonderausstellung wählte einen haptischen, vergleichenden sowie irritierenden Ansatz. Das Herzstück der Ausstellung bildete die Gießwerkstatt. Hier konnten Besucher bunte Zuckerabgüsse nach ihren eisernen Vorbildern anfertigen. Diese standen mit ihrer Farbigkeit und Transparenz im reizvollen Kontrast zur Materialität der originalen Objekte. Im Folgenden konnten die gegossenen Elemente zu neuen und fantastischen Skulpturen zusammengesetzt werden. Denn auch die Produkte der Sayner Hütte konnten nach Musterbüchern und auf Kundenwunsch zusammenstellt werden. Durch das Abgießen und das Collagieren der einzelnen Elemente wurde der komplexe Herstellungsprozess der Eisenkunstgussobjekte unmittelbar erfahrbar und regte das Verständnis an.
Die hier bereits produzierten Zuckergüsse wurden von Künstlerin Anna Heidenhain und Designerin Carlotta Werner als große schwebende Skulptur inmitten der Krupp’schen Halle installiert.
Dieses Projekt wurde gefördert durch die Dr. Hans-Riegel-Stiftung.